Digitalisierung verstehen

Digitalisierung verstehen

Digitalisierung

Digitale Medien durchdringen inzwischen den Alltag unserer Gesellschaft. Sei es das Lesen von Nachrichten simultan zum morgendlichen Zeitunglesen, das Kommentieren von Artikeln, das Lesen und Verfassen von E-Mails von unterwegs, das Abrufen oder Bereitstellen von Daten während der Dienstreise oder der Fortbildung, das Betrachten von Videos, Bildern oder das Hören von Podcasts und Musik auf dem Smartphone, das Eingeben von Noten, das Verfassen von Förderplänen, die Kommunikation über Foren oder Instant Messenger und vieles mehr. Gefühlt ist dies für einen Teil der Gesellschaft eine positive Vision, für andere eine unheimliche Beschleunigung des Alltags, ein Verlust von Privatsphäre, für einige sogar die Horrorvision des gläsernen Menschen.

Auswirkungen

Man kann davon ausgehen, dass die digitale Welt unmittelbare Auswirkungen auf das Lehren und Lernen hat. Das Internet und der Computer sind ein unverzichtbares Lehr- und Lernmittel geworden. Digitale Anwenderkompetenzen sind Lernkompetenzen, die als Querschnittsaufgabe in allen Fächern gefördert werden müssen. Was bedeutet das für die Schule der Gegenwart und der nahen Zukunft? Wir schließen uns den Fragen der Bertelsmann-Stiftung an: Wie können Schüler, Lehrkräfte und Eltern von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren? Und wo ist Vorsicht geboten? Ferner gehen wir davon aus, dass die Fragen nach den Folgen, Chancen und Risiken der Digitalisierung den pädagogischen Alltag von Lehrkräften und Schülern aller Schulformen und -stufen beeinflussen und verändern wird. Und das noch weitaus mehr als bisher.

Wir möchten Lehrer und Lehrerinnen ansprechen, die jetzt für sich den Zeitpunkt gekommen sehen, die Digitalität in ihren Unterricht mit einzubeziehen und für sich und ihre Schüler und Schülerinnen lehrend und lernend einzusetzen. Den Umgang mit digitalen Medien verstehen wir als gemeinsame, integrale Aufgabe der Unterrichts- und Schulentwicklung.

Die digitale Welt erfordert zwangsläufig Überlegungen zu ihrer stufenweisen Integration in Schule und Unterricht. Es ist zudem davon auszugehen, dass die Digitalisierung nicht einfach alles verbessert, die Lernprozesse nicht per se vereinfacht werden, sondern dass sie in irgendeiner Form gestaltet werden sollte.

Fähigkeiten der Zukunft

Digitale Lernmittel schaffen mehr Vielfalt im Unterricht, erweitern die Lernwelten der Schülerinnen und Schüler und ermöglichen die Anschlussfähigkeit der Schule an die digitale Praxis der Schüler. Vielfältige Lernmittel verbessern die Möglichkeit, die Qualität von Unterricht zu ergänzen und individuelle Lernwege in heterogenen und inklusiven Lerngruppen zu ermöglichen (NRW 4.0, 2016). Bezüglich der Lehrerinnen und Lehrer können wir davon ausgehen, dass sie längst und selbstverständlich digitale Geräte zur Unterrichtsvorbereitung einsetzen und das Internet zur Information, Materialbeschaffung und Recherche sowie zur Gestaltung von Lernprozessen nutzen. Schülerinnen und Schüler nutzen ebenso selbstverständlich digitale Geräte zur Unterrichtsvorbereitung und setzen das Internet zur Informations-, Materialbeschaffung und Recherche sowie für Lernprozesse ein. Jedoch möchten wir in Bezug auf die Schüler eine Bemerkung des Leipziger Forschers Steffen Jauch aus dem Jahr 2014 aufnehmen, die er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gemacht hat: »Es gibt immer diese Feststellung von den ›digital natives‹, aber in der Forschung lässt sich das nicht belegen. Das sind eher ›digital Naive‹.« (Zugriff am 06.07.2017) Der vormals als so groß beschriebene Vorsprung der Schülerinnen beschränkt sich heute darauf, dass sie selbstverständlich als digitale User aufwachsen, aber keine Kenner oder Experten sind. Sie sind in der überwiegenden Mehrzahl unreflektierte Nutzer »fertig« bereitgestellter Programme, Informationen und Anwendungen. Das aber sind sie ausgiebig und äußerst intensiv. Wir konstatieren folglich: Die ständig präsente digitale Welt verändert unser Leben, unser Denken, unser Handeln und unser Fühlen. Somit verändert sie auch unser Lernen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Unterricht. Die Flut der Informationen wird stetig enorm zunehmen, was bedingt, dass eine der wichtigsten Kompetenzen der Zukunft darin liegen wird, Informationen sachgerecht zu filtern und Wissen zu transformieren. Unseres Erachtens kann dies aber nur auf der Grundlage basaler Lernstoffe gelingen. Auch, wenn die Haltbarkeit der Lernstoffe abnimmt, Kenntnisse aber werden bleiben.

Grundfragen von Unterricht

Die Einleitung zeigt es: ebenso breit, wie die Palette der Möglichkeiten der digitalen Welt, die die Euphoriker zelebrieren, so breit ist auch die Palette der negativen Auswirkungen, die die Skeptiker Ihnen entgegenhalten. Die Diskussion um eben diese Diskrepanzen wird auch in den Schulen geführt. Viele LehrerInnen sind in der Regel klassische Vertreter einer literalen Bildung. Logischerweise entstehen hierbei Paradigmenkonflikte – das neue Paradigma der Multimedialität wird dem Paradigma des literal-typografischen gegenübergestellt.

Unsere Hightech-Gesellschaft benötigt neue Grundfertigkeiten der Selbstorganisation, Selbstregulierung, und der Selbstmotivierung durch Selbstkontrolle (vgl. Göhlich 1993, S. 99 f.). Der Schule wird bei diesem Wandel gewissermaßen ein simulatorisches Moment beigemessen (ebd., S.99). Die Schule kann hierbei den Schülern in einem geschützten Raum das Für und Wider der digitalen Welt vermitteln. Es muss klar definiert werden, wie dieses Moment sinnvoll genutzt werden kann. Der dritte Raum (Cyberspace) eröffnet neue Möglichkeiten – es muss klar definiert werden, über welche Art von Zugang wir als Gestalter und Benutzer das Weltgedächtnis verfügen und wie wir einen Beitrag leisten und wie wir die medial vermittelte Realität dekodieren.

Gerhard Tulodziecki (2011) hat das positive Potenzial der neuen Medien analysiert und ihr Potenzial einem Fragenkatalog unterworfen. Er stellt fest, dass das Medium als »Informationsquelle und Lernhilfe, als Mittel der Unterhaltung und des künstlerischen Ausdrucks, als Simulationswerkzeug bei Problembearbeitungen und Entscheidungen, als Instrument für Kommunikation und Kooperation sowie als Möglichkeit der Mitgestaltung des Gemeinwesens« (Tulodziecki 2011, S. 52) dient. All dies, führt Tulodziecki zurück auf philosophische Grundfragen, denen sich auch jeder Präsenzunterricht stets stellen muss:

  • Erkenntnistheorie: Was ist wahr?
  • Pragmatismus: Was ist (im weitesten Sinne) nützlich für den Einzelnen und die Gesellschaft?
  • Ästhetik: Was ist in sich stimmig bzw. im weitesten Sinne schön?
  • Ethik: Welches Handeln ist gerechtfertigt? (vgl. Tulodziecki 2011, S. 52).

Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt daß ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende, ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, daß das Gezeugte vortrefflicher sein kann als das Zeugende. (Wilhelm Meisters Wanderjahre)

Oft kann beobachtet werden, dass digitale Medien lediglich zum Selbstzweck eingesetzt werden. Dies verändert ihren Stellenwert im Rahmen des schulischen Diskurses. Sie werden dann zurecht als sinnloses Beiwerk betrachet, dass es nicht Wert ist im Unterricht genutzt zu werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen an dieser Stelle umdenken.

Previous Post Next Post